François Bocion · 4 Min. Lesezeit
Der Maler, der in sein eigenes Boot steigt
1877 nimmt François Bocion an einem Familienausflug auf dem Genfersee teil. Die kleine Holztafel verbindet Landschaft, Bootsfahrt und Selbstporträt und lädt die Betrachtenden ein, fast unmittelbar über dem Wasser ihren Platz zu finden.
Veröffentlicht am 3. Oktober 2026
Hervorgehoben am 8. Oktober 2026
François Bocion erscheint dort, wo man ihn nicht ganz erwartet: mitten in seiner Landschaft. In dem 1877 gemalten Bild Bocion und seine Familie beim Fischen steht der weiss gekleidete Mann auf einem kleinen Boot. Daneben trägt ein zweites Boot weitere Figuren. Der Genfersee bleibt gewaltig, doch sein Maler ist nicht mehr bloss ein Beobachter von aussen. Nun gehört er selbst zu der Welt, die er darstellt, zusammen mit seinen Angehörigen und mit einer leichten Feierlichkeit, die ein Lächeln hervorruft.
Die im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne aufbewahrte Holztafel misst nur zweiunddreissig mal achtundvierzigeinhalb Zentimeter. Dieses kleine Format ist bedeutsam. Es verlangt, dass man nähertritt, und verleiht der Begegnung eine Vertrautheit, die ein riesiges Panorama nicht hätte. Dabei enthält das Gemälde mehrere Themen zugleich: einen Blick auf den See, eine Familiengruppe, eine Freizeitbeschäftigung und ein Porträt des Künstlers. Keines davon muss die Bühne allein beanspruchen. Die Boote verbinden diese unterschiedlichen Erzählweisen.
Beobachtung des Werks — Auf der Reproduktion des MCBA bilden die beiden Bootsrümpfe im unteren Bildteil ein waagrechtes Band. Links ragen der Mast und das helle Segel auf, während der Himmel beträchtlichen Raum einnimmt. Zuerst zieht der weisse Anzug den Blick an; dann verteilen die dunkleren Kleidungsstücke, die Hüte und die Gesten die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Mitfahrenden. Unter den Booten verlängern einige Spiegelungen deren Farben. Kein Stück Ufer schliesst den Vordergrund ab: Man schaut vom Wasser aus, auf der Höhe dieser Gesellschaft.
Das Museum identifiziert die stehende Figur als Bocion und schlägt vorsichtig vor, in der Frau unter einem Sonnenschirm seine Ehefrau Anna-Barbara Furrer zu erkennen. Diese Zurückhaltung ist wertvoll. Ein Familienbild liefert nicht automatisch die Personalien jedes Gesichts. Es zeigt hingegen, wie jede Person den Raum einnimmt: stehend, sitzend, geschützt oder dicht am Rand. Die Anwesenheit der Angehörigen verwandelt den See in einen gemeinsamen Ort. Die Weite ist nicht nur etwas, das man betrachtet; sie wird auch zu einem Platz, an dem Körper zusammenkommen.
Dieser Ausflug gehört in eine Zeit, in der die Freizeitschifffahrt auf dem Genfersee laut Beschreibung des MCBA noch wenig verbreitet war. Transport und Fischerei behielten dort eine wichtige Stellung. Der Titel verweist auf das Fischen, doch das Bild gibt auch der Freude am Bootfahren Raum. Die Unterscheidung ist also weniger einfach als eine Einteilung in Arbeit und Erholung. Bocion zeigt eine Vertrautheit mit dem See, die über das Boot selbst, über dessen Stabilität und über die unmittelbare Nähe des Wassers entsteht.
Der Maler kennt diese Landschaft schon lange. Nach seiner Ausbildung in Paris kehrte er 1848 nach Lausanne zurück und unterrichtete dort jahrzehntelang Zeichnen. Das Musée Jenisch erinnert daran, wie eng seine Lausanner Laufbahn mit den wechselnden Stimmungen des Genfersees verbunden war. Diese Treue erhellt die Holztafel, ohne sie auf eine Biografie zu beschränken: Die ferne Bergwelt und der Himmel sind keine einfach verfügbare Kulisse. Es sind immer wieder aufgegriffene Elemente, denen ein Familientreffen hier einen anderen, näheren und persönlicheren Rhythmus gibt.
Man könnte sich allein die weisse Gestalt merken, so deutlich ist sie sichtbar. Damit würde man die stille Bewegung der Komposition übersehen. Das nach links reichende Ruder, das sich nach rechts erstreckende Boot und die zurückweichenden Berge laden dazu ein, um das Selbstporträt herumzugehen. Bocion ist nachdrücklich präsent, beansprucht das Gemälde aber nicht für sich allein. Der Blick verlässt seinen Anzug, folgt einem Rumpf, trifft auf eine Spiegelung und steigt dann zu den Wolken hinauf. So verbindet sich das kleine Porträt mit dem weiten Raum, ohne sich darin auflösen zu müssen.
Das Gemälde gelangte 1939 ins Museum. Was heute bleibt, ist weder die vollständige Geschichte eines Tages noch ein fotografisches Verzeichnis aller Familienbeziehungen. Es ist eine Art, diese gemeinsam sichtbar zu machen, in derselben Luft und auf demselben Wasser. Am Ende der Betrachtung erhält die anfängliche Überraschung einen anderen Sinn: Der Maler hat sich nicht einfach seiner bevorzugten Landschaft hinzugefügt. Er hat vor den Booten einen Platz geöffnet, so nah, dass die Betrachtenden einen Augenblick lang die Entfernung zu dieser Familie spüren können.


