François Bocion · 4 Min. Lesezeit
Das Netz, das den Blick festhält
In Netze und Fischer zeigt sich der Genfersee hinter einem Vorhang aus Maschen. Bocion verwandelt Ruhe und die Pflege der Ausrüstung in ein Gemälde aus Schatten und Licht, das dem alltäglichen Rhythmus der Ufer folgt.
Veröffentlicht am 3. Oktober 2026
Hervorgehoben am 4. Oktober 2026
Man kommt wegen des Genfersees und begegnet einem Netz. In dem um 1877 gemalten Bild Netze und Fischer legt François Bocion die Maschen zwischen die Landschaft und uns. Die Berge sind weiterhin da, ebenso der See, doch sie erscheinen durch etwas Zerbrechliches, Nützliches und beinahe Durchsichtiges hindurch. Vor diesem Vorhang ruht ein junger Mann ausgestreckt. Dieses hochformatige Werk lädt damit zu einer anderen Begegnung mit dem Maler des Genfersees ein: Das Wasser muss etwas warten, denn das Ufer hat seine eigene Zeit.
Das Gemälde gehört zu einer Gruppe von Fischerszenen, einem Thema, mit dem Bocion sich seit den 1860er-Jahren regelmässig beschäftigt. Das MCBA bewahrt dieses einundsechzig mal fünfzig Zentimeter grosse Ölgemälde auf Leinwand auf, das 1913 erworben wurde. Die Beschreibung stellt es neben Varianten in Genf, Winterthur und Vevey. Diese Vergleiche legen als Schauplatz das französische Seeufer nahe, wahrscheinlich die Gegend von Tourronde. Dieses letzte Wort muss bleiben: Das Gemälde trägt kein Schild mit einer genauen Ortsangabe.
Beobachtung des Werks — Die institutionelle Reproduktion zeigt einen jungen Fischer, der im Vordergrund liegt, einen mächtigen Baum rechts und Laub, das die Szene überdacht. Das aufgespannte Netz nimmt einen grossen Teil des Hintergrunds ein, ohne ihn undurchsichtig zu machen. Kleinere Figuren erscheinen hinter dem Schlafenden. Zwischen grossen grauen und grünen Flächen liegen helle Tupfer auf dem Boden. Der Blick kann durch die Maschen wandern, doch Schatten und Bildausschnitt führen ihn ständig zu diesem bewohnten Uferstück zurück.
Die Ausrüstung eröffnet eine sehr konkrete Geschichte. Die Netze des 19. Jahrhunderts bestehen noch aus Naturfasern; die Fischer breiten sie aus, damit sie trocknen und Risse sichtbar werden. Das Museum weist auf einen Mann hin, der sie mit einer Netznadel in der Hand repariert. Dieses Detail genügt, um das Sehen zu verändern. Die grossen aufgehängten Flächen sind keine dekorativen Segel, die für den Maler angebracht wurden. Sie gehören zu einer Arbeit, die zum Teil ausserhalb des Wassers stattfindet, wenn das Boot zurückgekehrt ist.
Die Ruhe erhält dadurch einen besonderen Wert. Ohne zu erfinden, was der junge Mann gerade erlebt hat, lässt sich feststellen, dass sein ausgestreckter Körper einen Gegensatz zu den weiterhin tätigen Figuren dahinter bildet. Das Gemälde vereint verschiedene Rhythmen auf derselben Fläche. Hier beinahe vollständige Bewegungslosigkeit; weiter hinten eine Aufgabe, die Handgriffe verlangt; ringsum Spiegelungen und Laub. Die Malerei nimmt diese Unterschiede auf, ohne daraus eine Heldengeschichte zu machen. Die Zeit eines Ufers besteht nicht nur aus Aufbruch und Fang.
Bocion hatte sein Handwerk in Paris erlernt, unter anderem im Atelier von Charles Gleyre, und es anschliessend von Lausanne aus weiterentwickelt. Das Musée Jenisch betont seine Aufmerksamkeit für wechselndes Licht und wechselnde Atmosphäre. Netze und Fischer lässt deren Bedeutung aus nächster Nähe erkennen. Die Sonne beleuchtet nicht alles auf einmal; sie kommt in Bruchstücken an. Die Leinwand bewahrt die Einheit eines hellen Tages und versetzt uns zugleich unter die Bäume. Die Landschaft erschliesst sich also aus einem geschützten Raum, zusammen mit Arbeit und Ruhe, die dort ihren Platz haben.
Was wie ein Hindernis erscheinen könnte, wird zum eigentlichen Prinzip des Bildes. Die Maschen lassen Licht durch, halten einen Teil der Formen zurück und schaffen Zwischenräume. Sie schlagen eine Art des Sehens vor, die Menschen und ihre Umgebung nicht scharf trennt. Das Werkzeug gehört dem Fischer, nimmt im Gemälde aber auch den See und den Himmel ein. Die Malerei macht aus dieser Überlagerung eine Seherfahrung: Man erkennt manches besser, wenn man zulässt, dass es nicht vollständig freiliegt und nicht in einem ununterbrochenen Panorama angeboten wird.
Der Titel kündigt Gegenstände und einen Beruf an; in Erinnerung bleibt vor allem das Gefühl von Kühle unter den Bäumen. Dabei werden die Arbeitenden nicht vergessen. Ihre Anwesenheit macht diesen Schatten gerade besonders, weil er Körper, Ausrüstung und alltägliche Handgriffe schützt. Kehrt man zum Schlafenden zurück, scheint das Netz hinter ihm nicht mehr das eigentliche Thema zu verbergen. Es verbindet die verschiedenen Bildebenen. Bocions Genfersee ist bis zu dieser Pause am Wasser gewandert, wo auch die Landschaft Masche für Masche ausgebessert wird.


