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Alexandre Calame · 5 Min. Lesezeit

Der Ertrinkende, den die Farbe verborgen hatte

Ein Wildbach von Calame schien lediglich eine Landschaft und einige Figuren am Ufer zu enthalten. Forschungen des Kunstmuseums Wallis gaben der Szene ihren Sinn zurück: Ein vom Wasser fortgerissener Mann war nach 1932 übermalt worden.

Veröffentlicht am 3. Oktober 2026

Jemand fehlt in diesem Wildbach. Das 1848 von Alexandre Calame unter Mitwirkung von Jean-Léonard Lugardon gemalte Bild zeigt wildes Wasser und Figuren am Ufer. Während eines Teils seiner Geschichte ging die unmittelbarste Erklärung für ihre Unruhe verloren. Ein vom Wasser fortgerissener Mann war unter Farbe verborgen worden. Als das Kunstmuseum Wallis das Werk 2018 erwirbt, macht die Forschung verständlich, was am Rand der Felsen geschieht. Eine Landschaft findet einen Menschen wieder, und dieser Mensch verändert die Lesart der ganzen Szene.

Die wissenschaftliche Beschreibung von Frédéric Hueber liefert einen entscheidenden Anhaltspunkt: 1932 zeigte eine in einem Auktionskatalog veröffentlichte Fotografie noch den Ertrinkenden. Die Übermalung erfolgte also später. Weder ihr Urheber noch ihre genaue Motivation sind sicher bekannt. Die Absicht, das Drama zu mildern, wird als Vermutung vorgeschlagen, darf aber nicht zu einer erzählten Szene werden. Niemand darf mit einem Pinsel und einer erfundenen Absicht vor die Leinwand gestellt werden. Der ausreichend dokumentierte Sachverhalt ist schon eindrücklich: Eine für die Erzählung nötige Figur war unsichtbar gemacht worden.

Beobachtung des Werks — Auf der Reproduktion der Walliser Kantonsmuseen zieht sich der Schaum zwischen schweren Felsmassen durch den unteren Teil. Geneigte Bäume besetzen die linke Seite, während die Berge unter einem dicht bedeckten Himmel zurückweichen. Die menschlichen Figuren sind klein und im Verhältnis zum Ganzen schwer zu lesen. Eine Gestalt nahe dem Fels im Vordergrund zieht jedoch durch eine wärmere Kleidungsfläche die Aufmerksamkeit auf sich. Das Wasser bleibt die sichtbarste Bewegung, und sein Licht kann den Blick von den Menschen ablenken, die ihm zu widerstehen versuchen.

Die Auswertung der Presse ergänzte die Untersuchung um ein weiteres Stück. Ein Text im Journal de Genève vom 21. April 1848 beschreibt einen Mann in Not inmitten der Fluten und seine Begleiter, die ihn zu retten versuchen. Er schreibt die Figuren Lugardon zu. Bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse 2021 erklärt die Société des arts de Genève anschliessend, dass eine Laboranalyse die Anwesenheit des Ertrinkenden bestätigt hat. Dokumente und gemalte Substanz antworten einander: Die einen erzählen, was gesehen worden war, die andere bewahrt, was verborgen wurde.

Dieses Zusammentreffen von Belegen gibt dem Werk eine besondere Tiefe. Wir betrachten nicht nur, was zwei Künstler entworfen haben; wir betrachten auch einen Gegenstand, der auf seinem Weg verändert wurde. Ein verhältnismässig begrenzter Eingriff kann eine grosse Bedeutungsverschiebung bewirken. Ohne die Figur im Wasser können die Körper am Ufer nebensächlich oder rätselhaft wirken. Mit ihr verbinden sich ihre Positionen mit einer Notlage. Der Wildbach ist nicht mehr nur eine Naturkraft, die man bewundert: Er wird auch zur Entfernung, die Menschen voneinander trennt.

Der Weg der Leinwand erforderte selbst geduldige Dokumentenarbeit. Das vom Kunstmuseum Wallis veröffentlichte Provenienzdossier nennt die Münchner Auktion von 1932, verschiedene Stationen in Galerien und Sammlungen und den Erwerb im Dezember 2018 in Zürich. Dieser Weg hat Lücken; die Übermalung lässt sich keiner bestimmten Sammlung genau zuordnen. Die Untersuchung hat also nicht jede Unbekannte in eine Antwort verwandelt. Sie hat das Gemälde verständlicher gemacht und zugleich die Grenzen des Wissens sichtbar gehalten, was ebenfalls eine Art ist, seine lange Geschichte zu achten.

Die Anwesenheit Lugardons verschiebt schliesslich die Vorstellung eines Gemäldes, das vollständig von einer einzigen Hand stammt. Calame signiert und komponiert die Landschaft; eine zeitgenössische Quelle schreibt die Figuren seinem Freund zu. Darin kann man eine Arbeitsteilung sehen, aber weder ihre Gespräche noch ihre Sitzungen rekonstruieren. Diese Zusammenarbeit gibt dem Gemälde zwei untrennbare Dimensionen: eine Natur, die weit genug ist, um das Bild zu beherrschen, und eine menschliche Handlung, die präzise genug ist, um seine Tragweite zu verändern. Das Verschwinden des Ertrinkenden hatte diese Beziehung aus dem Gleichgewicht gebracht und dem Wasser beinahe allein die Erzählmacht gelassen.

Heute lädt uns die Geschichte der Übermalung dazu ein, geduldiger zu den kleinen Figuren zurückzukehren. Es geht nicht darum, beim genauen Studium einer Reproduktion um jeden Preis ein visuelles Rätsel zu lösen. Archive und Materialuntersuchung haben geliefert, was das Auge allein nicht garantieren konnte. Das Gemälde bietet damit eine besondere Pointe: Um einen gemalten Wildbach zu verstehen, musste man den Menschen wiederfinden, den er forttrug. Der verborgene Mann fügt dem Werk keine Randanekdote hinzu. Seine Anwesenheit gibt den Gesten am Ufer ihren Zusammenhang, ihre Spannung und ihre Notwendigkeit zurück.

Quellen und Hintergründe

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