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Sophie Taeuber-Arp · 4 Min. Lesezeit

Sophie Taeuber-Arp: die drei Aufführungen von König Hirsch

Im September 1918 verwandelt Sophie Taeuber-Arp ein italienisches Märchenspiel in geometrisches Theater. Ihre siebzehn Marionetten begeistern Dada nahestehende Kreise, doch die Skepsis der Direktion und die Spanische Grippe beschränken das Stück auf drei Aufführungen.

Veröffentlicht am 27. September 2026

Im September 1918 betritt in Zürich ein beweglicher König aus Holz die Bühne. Er heisst Deramo und kann sich in einen Hirsch verwandeln. Um ihn herum bewegen sich Figuren, die aus geometrischen Körpern bestehen und bisweilen mit Stoff, Metall, Federn oder Perlen ergänzt sind. Nichts an diesen kantigen Körpern versucht, ihre Machart zu verbergen. Bei der Premiere von König Hirsch werden siebzehn Marionetten enthüllt, die von der neunundzwanzig Jahre zuvor in der Schweiz geborenen Sophie Taeuber geschaffen wurden. Die Künstlerin begnügt sich nicht damit, ein altes Märchen einzukleiden: Sie bringt die Abstraktion auf die Theaterbühne.

Der Auftrag kommt von Alfred Altherr, dem Direktor der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums Zürich. Seit 1916 unterrichtet Taeuber an dieser Institution textiles Zeichnen, Sticken und Weben. Anlässlich der Ausstellung des Schweizerischen Werkbunds lässt Altherr am Bellevueplatz ein Marionettentheater errichten und beauftragt unter anderem die Künstlerin, die Figuren und das Bühnenbild für eine Adaption von König Hirsch zu entwerfen, einem von der Commedia dell’arte inspirierten Stück Carlo Gozzis aus dem 18. Jahrhundert.

René Morax und Werner Wolff aktualisieren das Märchenspiel als Parodie auf die Psychoanalyse. Der Zauberer des Stücks wird zu Freudanalytikus, dem als Alter Ego ein kleiner Papagei zugeordnet ist, während Dr. Komplex auf Carl Gustav Jung verweist. So verwandelt sich das Zaubermärchen in eine zeitgenössische Satire in jener Stadt, in der sich während des Krieges die Dada-Bewegung entwickelt hat. Taeuber kennt dieses Milieu: Seit ihrer Begegnung mit Jean Arp im Jahr 1915 steht sie ihm nahe und beteiligt sich, insbesondere als Tänzerin, an dadaistischen Aktivitäten, während sie zugleich ihre Lehrtätigkeit an einer offiziellen Institution fortsetzt.

Ihre Marionetten brechen mit den naturalistischen Traditionen der Gattung. Statt lebende Körper nachzuahmen und ihre Mechanismen zu verbergen, zeigen sie ihre gedrechselten Volumen, Befestigungen und Gelenke. Schnüre, die mit kleinen Ösen verbunden sind, werden nicht an den Gelenken, sondern gegen die Enden der Gliedmassen hin befestigt, wodurch ruckartige Bewegungen entstehen. Die Geometrie bringt auch die Beziehungen zwischen den Figuren zum Ausdruck: Deramo, Angela und der Hirsch, in den sich der König verwandelt, haben insbesondere goldene Augen gemeinsam. Formen und Farben machen so die Verbindungen innerhalb der Handlung sichtbar, ohne auf Realismus zurückzugreifen.

Diese formale Freiheit schliesst eine sorgfältige Ausführung nicht aus. Die Gesichtszüge wurden zunächst mit Bleistift gezeichnet und anschliessend präzise gemalt; einige vorbereitende Linien bleiben sichtbar. Zu den gedrechselten Holzteilen kommen je nach Figur Stoff, Messingblech, Metallelemente, aufgenähte Perlen, künstliche Blumen und Federn hinzu. In diesen Zusammenstellungen vereinen sich mehrere Tätigkeitsfelder Taeubers: Zeichnung, Malerei, Textilarbeit, Bildhauerei und die Gestaltung beweglicher Objekte.

Die Bühnenbilder und Figuren finden bei Dada nahestehenden Künstlern, Schriftstellern und Kennern besonderen Anklang. Diese Begeisterung bedeutet jedoch nicht, dass sie allgemein wohlwollend aufgenommen werden: Die Organisatoren halten die Marionetten für zu modern, während die Direktion skeptisch bleibt. Zudem führt die Ausbreitung der Spanischen Grippe zur Schliessung des Theaters. König Hirsch wird schliesslich nur dreimal aufgeführt, wobei sich anhand der konsultierten Quellen nicht feststellen lässt, ob diese Aufführungen an drei verschiedenen Abenden stattfanden.

1919 zeigt Taeuber Köpfe und Marionetten in der Ausstellung Das Neue Leben im Kunsthaus Zürich. Anschliessend werden sie in Der Zeltweg, der letzten Zürcher Dada-Zeitschrift, abgebildet und finden Verbreitung in avantgardistischen Publikationen. Die Bühne hatte kaum Zeit gehabt, sie aufzunehmen; Fotografie und Druck verlängern ihre Präsenz. Die für König Hirsch entstandenen Arbeiten werden zudem mit den abstrakten Skulpturen aus gedrechseltem Holz in Verbindung gebracht, die heute unter dem Namen Dada-Köpfe bekannt sind.

Kommentar — Das Schicksal von König Hirsch liegt in dieser Umkehrung: Ein auf drei Aufführungen beschränktes Schauspiel wird dank der Objekte, die seiner Inszenierung dienen sollten, zu einem dauerhaften Werk. Schnüre, Ösen und ruckartige Bewegungen sind keine Unvollkommenheiten, die es zu verbergen gilt, sondern die sichtbaren Elemente einer neuen Sprache. Indem Sophie Taeuber-Arp der Verwandlung, der Satire und der Bewegung eine geometrische Form verleiht, schafft sie weit mehr als blosse Requisiten. Die Grippe schliesst das Theater; ihre Marionetten setzen ihren Weg durch die Geschichte der modernen Kunst fort.

Quellen und Hintergründe

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Sophie Taeuber-Arp — Tête dada
BildnachweisSophie Taeuber-Arp ; photo : Hiart — CC0 1.0.

Sophie Taeuber-Arp — « Tête dada ». Ein weiteres Werk des Künstlers als visueller Bezug zur Geschichte.

Sophie Taeuber-Arp ; photo : Hiart — CC0 1.0.

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Sophie Taeuber-Arp · 3 Min. Lesezeit

Sophie Taeuber-Arp: Mit drei Aufführungen in die Geschichte

1918 verwandelt Sophie Taeuber-Arp in Zürich ein italienisches Zaubermärchen in geometrisches Theater. Die Spanische Grippe und die Skepsis der Direktion beschränken das Stück auf drei Aufführungen, doch schon bald werden Köpfe und Marionetten in einer Ausstellung gezeigt und in einer dadaistischen Publikation abgebildet.