Ferdinand Hodler · 5 Min. Lesezeit
Der Holzfäller verlässt die Brieftasche
Für einen Fünfzigfrankenschein entworfen, gewinnt der Holzfäller auf der Leinwand eine andere Grösse. Zwischen offiziellem Auftrag, Formatwechseln und Wiederholungen verwandelt Hodler einen Arbeitsgriff in eine monumentale Präsenz.
Veröffentlicht am 3. Oktober 2026
Hervorgehoben am 15. Oktober 2026
Man kann einen Holzfäller in der Hand halten und ihn dann grösser als sich selbst an einer Wand wiederfinden. Das ist der erstaunliche Weg eines Motivs von Ferdinand Hodler. 1908 beauftragt ihn die Schweizerische Nationalbank mit Entwürfen für neue Banknoten. Das Bild soll künstlerischen Wert und nationalen Charakter verbinden. Für den Fünfzigfrankenschein wünscht die Kommission zunächst einen Winzer; Hodler schlägt einen Holzfäller vor. Der Auftrag verlangt damit weit mehr als die Wahl eines Berufs. Ein Körper, eine Geste und eine Landschaft müssen in einem winzigen Gegenstand Platz finden, der zirkulieren soll.
Der Maler fertigt zahlreiche Zeichnungen an und erprobt verschiedene Modelle. Er arbeitet auch an Fotografien seiner Studien, die er in mehreren Grössen wieder aufgreift. Das kleine Format der Banknote wird damit zu einer konkreten Gegebenheit seines Ateliers. Eine lesbare Landschaft, ein klarer Umriss und Sicherheitsanforderungen müssen gemeinsam ihren Platz finden. Das Kunstmuseum Luzern dokumentiert diese Anpassungen. Man sieht, wie sehr einem Bild, das Tausenden vertraut erscheinen wird, eine geduldige Arbeit aus Wiederholungen statt eines einzigen Einfalls vorausgehen kann.
Der Übergang zur Malerei erfolgt noch vor der Ausgabe der Banknoten Ende 1911. Theodor Reinhart, ein Mitglied der Kommission, bittet bereits 1909 um eine Ölfassung. Hodler findet in diesem Medium mehr Freiheit. Er kann die Körperproportion verändern und vom Querformat zu einer hochformatigen Leinwand wechseln. 1910 hat eine ausgestellte grosse Fassung Erfolg. Das gedruckte Original und die Gemäldefamilie schreiten damit in ähnlichen Zeiträumen voran, ohne ganz dasselbe Bild hervorzubringen.
Beobachtung des Werks — Auf der Reproduktion des Holzfällers von 1910 im Musée d'Orsay geben die weit gespreizten Beine der Figur eine beinahe dreieckige Basis. Rumpf und Arme strecken sich nach rechts bis zur Axt nahe dem oberen Rand. Die dünnen, geraden Stämme verstärken die Energie dieser Diagonale. Der helle Boden ist mit blauen und roten Tupfern versehen; am Himmel steht eine einzelne dunkle Wolke. Wenige Elemente besetzen den Raum. Alles läuft auf den Augenblick vor dem Schlag zu, wenn die Bewegung noch gespannt im Körper liegt.
Dieses Innehalten macht die Kraft des Gemäldes aus. Die Malerei zeigt keine Folge von Handlungen, vermittelt uns aber beinahe deren körperliches Mass. Der Blick folgt den Füssen, steigt am Rücken hinauf und erreicht Hände und Klinge. Die Geste wird verständlich, bevor man erklären möchte, was sie symbolisiert. Das über einen Meter dreissig hohe Leinwandformat verändert diese Begegnung: Die Betrachtenden untersuchen nicht mehr bloss eine Illustration. Sie stehen einer Anstrengung gegenüber, die im Massstab des Körpers sichtbar gemacht ist.
Die Verbreitung des Motivs wirft dennoch ein Problem auf. Hodler ist mit der Umsetzung seiner Figuren auf den Banknoten unzufrieden. Das Musée d'Orsay erklärt, dass die Verkleinerung und die hinzugefügten Ornamente aus seiner Sicht das gemalte Bild schwächen. Das macht die Banknote nicht einfach zu einem Fehlschlag. Es zeigt den Abstand zwischen zwei Verwendungen: Ein Geldschein muss im Alltag funktionieren; eine Leinwand kann ihren eigenen Raum und ihre eigene Dauer durchsetzen. Dasselbe Thema wird je nach Betrachtung und Handhabung anders.
Der Holzfäller führt anschliessend ein langes Atelierleben. Das Luzerner Museum zählt achtzehn Varianten in drei Formatgrössen. Manche Wiederholungen erlauben, eine Lösung zu erproben; andere entsprechen der Nachfrage und beschleunigen die Produktion. Diese doppelte, künstlerische und wirtschaftliche Wirklichkeit ist wesentlich. Eine Replik kann eine Suche fortsetzen und zugleich ein Gemälde sein, das verkauft wird. Die Fassungen sind daher nicht automatisch als abgeschwächte Echos einer ersten Erfindung anzusehen, sondern als Mitglieder einer Serie, deren Unterschiede Aufmerksamkeit verdienen.
Die Wiederholung bringt auch Schwierigkeiten mit sich: hohe Preise, Verwechslungen zwischen Varianten und das Auftauchen von Fälschungen. 1912 tritt Hodler sogar in einem Prozess als Zeuge auf. Hinter der kräftigen Figur zeichnet sich damit ein sehr konkretes Netz aus Auftraggebern, Sammlern und Vermittlern ab. Der Maler, der der Handarbeit eine so einfache Form gibt, arbeitet selbst in einem System der Produktion und Verbreitung. Diese Geschichte nimmt dem Gemälde nichts von seiner Kraft; sie zeigt, wie ein Bild berühmt wird.
Im Museum hat der Holzfäller die Brieftasche verlassen, aber nicht das kollektive Gedächtnis. Seine Geste bleibt unmittelbar erkennbar. Er lädt auch dazu ein, erneut zu betrachten, was Vertrautheit verdecken kann: die genaue Neigung des Körpers, die Leere des Himmels und die Spannung zwischen Bäumen und Axt. Die Ikone gewinnt damit wieder die Qualität einer Erfahrung. Vor ihr können wir einen Augenblick vergessen, dass wir das Thema schon kennen, und spüren, wie ein Grössenwechsel allein genügt, um eine Geste neu zu machen.


