Karl Stauffer-Bern
Geboren 1857.
Gestorben 1891.
Karl Stauffer-Bern (1857–1891) verlieh dem Porträt eine Intensität, die über die blosse Ähnlichkeit hinausgeht. Geboren in Trubschachen im Emmental, erhielt er seine ersten Zeichenstunden von seiner Mutter und bildete sich anschliessend in Bern und an der Akademie der Bildenden Künste in München weiter. 1880 liess er sich in Berlin nieder; bereits im folgenden Jahr erhielt er eine Goldmedaille, die seine Karriere lancierte.
Die Aufträge häuften sich, doch sein Blick suchte weniger nach den Zeichen des sozialen Rangs als nach den Zügen eines Gesichts und der Präsenz eines Individuums. Die Fotografien, die er gelegentlich als Arbeitsgrundlage verwendete, verdeutlichen diesen Anspruch an die Beobachtung, ohne an die Stelle der Malerei zu treten.
In Zürich malte er unter anderem die Schriftsteller Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Zudem schuf er ein Porträt von Lydia Welti-Escher, die in den letzten Jahren seines Lebens eine wichtige Rolle spielen sollte. 1884 führte Peter Halm ihn in die Radierung ein.
Stauffer-Bern vertiefte darin seine Kunst des Gesichts: Ein 1885 entstandenes radiertes Selbstbildnis wird heute im Kunstmuseum Bern aufbewahrt. Sein Projekt einer «Galerie berühmter Zeitgenossen» blieb unvollendet, zeugt jedoch von dem Anspruch, den er in die Druckgrafik legte. Die fotografischen Bestände der Schweizerischen Nationalbibliothek machen die Reichweite seiner Recherche sichtbar – zwischen Aufnahmen von Modellen, Studien und der Dokumentation seiner Werke.
Ab 1887 versuchte er sich in der Bildhauerei, in der er gegenüber den bestellten Porträts eine neue Freiheit sah. Im folgenden Jahr reiste er nach Rom, um sich ihr zu widmen. Seine Beziehung zu Lydia Welti-Escher und die darauf folgenden Ereignisse haben die Darstellung seines Lebens, das 1891 in Florenz endete, lange geprägt.
Dennoch lädt die Kraft seiner Gemälde, Radierungen und plastischen Forschungen zunächst dazu ein, einen Künstler zu betrachten, der in jedem Medium die Frage stellt, wie sich eine Person gegenwärtig machen lässt.